Sturmflut 1962

Wer kann eine schöne Geschichte von damals erzählen?
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Sturmflut 1962

Beitragvon Admin » 16. Feb 2012, 09:14

„Vollmond beschien eine Wasserwüste“
aus NWZ-Online vom 16.02.2012

Sturmflut 1962 Gärtnerei von Brigitte und Karl Brüggerhoff wurde am 16. Februar komplett zerstört

von Melanie Hanz



Wangerooge - „Mir war gar nicht klar, dass so etwas passieren kann.“ Als am Abend des 16. Februar 1962 die Wellen über Wangerooges südlichen Deich schlugen und die Gischt schäumte, rechnete Brigitte Brüggerhoff nicht damit, dass der Deich wenige Stunden später brechen würde. Gemeinsam mit ihrem Mann Karl stand die damals 31-Jährige bei Zoekes Inselhof am Deichfuß und beobachtete das Naturereignis.

Doch kurze Zeit später sackt der Deich ein und bricht auf einer Länge von 300 Metern, gegen 20.40 Uhr heulen im Inseldorf die Sirenen los und es wird Katastrophenalarm ausgelöst. „Wir haben alles aus dem Haus gerettet, was uns wichtig war“, erinnert sich Brigitte Brüggerhoff: Viele Leute kamen aus dem höher gelegenen Dorf mit Leiterwagen und Gespannen, um zu helfen.

Die Kinder wurden hoch und trocken im Dorf untergebracht, Schulsachen und Kleidung, Waschmaschine und Betten und noch manches anderes wurde ebenfalls im Dorf untergestellt. Auch die Hühner wurden in Sicherheit gebracht.

Und dann stieg das Wasser: Haus, Garten und Gewächshäuser samt Nebengebäuden der Gärtnerei Brüggerhoff versanken in den Fluten. „Es war gespenstisch: Der Vollmond schien hell, das Licht glitzerte auf den Dächern der Gewächshäuser – und vor uns breitete sich eine Wasserwüste aus“, erinnert sich Brigitte Brüggerhoff. „Angst? Hatten wir nicht, dafür gab es zu viel zu tun“, sagt Karl Brüggerhoff.

Der damals 40-Jährige markierte später die Flutmarke an einem Gewächshausbalken. „Das waren knapp drei Meter – als Kind konnte man da toll hoch schauen“, erzählt Sohn Klaus Brüggerhoff, der die Sturmflut als Achtjähriger miterlebt hat.

„Ich hätte nie gedacht, dass man das alles wieder hinbekommt“, meint sein Vater rückblickend: Die beiden Gewächshäuser waren nur noch Trümmer, Wasserrohre und Elektroinstallation waren kaputt, der Boden versalzen und verdichtet. Das Wohnhaus der Familie war halb zusammengebrochen. „Scheußlich, diese Verwüstung. Man wusste gar nicht, wo man anfangen soll“, meint seine Frau.

Doch das Leben ging weiter: „Wir haben ein bisschen was repariert und weiter ging’s“, sagt Karl Brüggerhoff: Die Familie kam zunächst im kleinen grünen Häuschen neben der Pastorei unter. Später zog sie in eine Baracke, die das DRK auf die Insel gebracht hatte.

Pioniere der Bundeswehr halfen, den Schutt auf dem Gärtnereigelände abzuräumen, Berufsschüler aus Kempen am Niederrhein halfen den Brüggerhoffs bei Reparaturen an Elektro- und Pumpeninstallationen und beim Entfernen von Sand und Schlamm aus dem Gartenbetrieb. „Wir haben damals den kompletten Mutterboden abgetragen – darauf wuchs garantiert keine Pflanze mehr“, erzählt Brüggerhoff. Die Pflanzbeete wurden später dann mit Torfsubstrat wieder aufgefüllt.

Währenddessen kümmerte sich Brigitte Brüggerhoff um den Verkauf: „Wir brauchten ja Geld“, sagt sie. Denn versichert war nichts – wegen höherer Gewalt. Am Festland bestellte sie Schnittblumen, die sie im Blumen-Pavillon im Dorf anbot. Bis wieder Gemüse wuchs – bis zur Sturmflut hatten die Brüggerhoffs auch Gemüse angebaut und auf der Insel verkauft – sollte es allerdings noch dauern.

Auch etwas Gutes hatte die Sturmflut – zumindest für Klaus Brüggerhoff: „Ich durfte damals mit meinem Vater im Strandhotel Gerken übernachten – das war ein Erlebnis“, erinnert er sich. Und im Häuschen an der Pastorei gab es Fernsehen. „Das war für uns Kinder großartig.“

Die Kinder wurden bei den Aufräum-Arbeiten übrigens ebenfalls eingesetzt: „Wer nachmittags zum Deich ging, um den Pionieren beim Sandsäcke füllen zu helfen, musste keine Hausaufgaben machen“, berichtet Brüggerhoff. Dafür gab es von den Soldaten Schokolade – und vom Land Niedersachsen für alle Kinder die Gedenkmedaille.
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Re: Sturmflut 1962

Beitragvon Admin » 17. Feb 2012, 08:32

Im Inselosten von Flut überrascht
aus NWZ-Online vom 17.02.2012

Sturmflut 1962 Feuerwehrmann Karl-Engelhardt Kruse war im Dauereinsatz

von Melanie Hanz



Wangerooge - Karl-Engel­hardt Kruse ahnte nicht was ihm bevorstand, als er am frühen Abend des 16. Februar 1962 mit einem Kollegen von der Freiwilligen Feuerwehr in den Osten geschickt wurde. Die beiden jungen Männer – Kruse war 24 Jahre alt – sollten das Deichschart in Höhe des Cafés Neudeich kontrollieren, da tagsüber die Flut hoch aufgelaufen war.

„Das Deichschart war geschlossen, das Wasser drang durch die Ritzen“, erzählt er. Die Flut stand knapp unter der Deichkrone. Doch eine Schadstelle konnten die beiden nicht entdecken – sie beschlossen, ins Inseldorf zurückzufahren.

„Dann sind wir steckengeblieben“, erzählt Kruse: Das Einsatzfahrzeug der Feuerwehr, mit dem die beiden Männer unterwegs waren, fuhr sich beim Wenden im aufgeweichten Boden fest – „das Wasser stand bereits gut 30 Zentimeter hoch“. Die beiden jungen Männer beschlossen, im Fahrzeug zu warten, bis möglicherweise jemand vorbeikommt.

Irgendwann erkannte Kruse schemenhaft einen Heuschober vorbeischwimmen. „Bald stand das Wasser auch im Fahrzeug“, erzählt er. Von der Düne, auf die sie sich geflüchtet haben, sehen die beiden, wie das Feuerwehrfahrzeug in der Flut versinkt. „Da haben wir verstanden, dass etwas nicht stimmt, und sind zu Fuß ins Dorf gelaufen“, sagt Kruse.

Doch als sie dort ankamen, sei alles zu spät gewesen: Um 20.40 Uhr war dort Katastrophenalarm ausgelöst worden, weil der Dorfdeich auf einer Länge von 200 Metern gebrochen war. Bis zu den Gleisen der Inselbahn stand das Wasser. Im Groden gelegene Häuser wurden komplett umspült und an der Siedlerstraße stand die Flut noch gut drei Meter hoch.

Für „Engel“ Kruse begannen drei arbeitsreiche Wochen: „Ich war dauernd für die Feuerwehr im Einsatz“, erzählt er: Um das Wasser aus dem Dorf und dem Groden zu bekommen, stachen die Wangerooger Feuerwehrleute Schlote und setzten alles an Pumpen ein, was sie hatten und vom Festland als Katastrophenhilfe bekommen konnten. „Wir wollten das Salzwasser möglichst schnell wegbekommen, damit nicht der ganze Boden versalzte“, so Kruse.

Die Einsatzkräfte der Feuerwehr sammelten gemeinsam mit den Pionieren der Bundeswehr ertrunkene Hühner ein, schoben Schlamm und räumten Trümmer weg. Wichtige Aufgabe war auch, das Dorf mit Süßwasser zu versorgen. Die Sturmflut hatte die Süßwasserversorgung beschädigt. Erst nach der Sturmflut bekam die Insel eine feste Trinkwasserleitung vom Festland.

Auch das abgesoffene Einsatzfahrzeug im Osten wurde übrigens geborgen: „Die Bundeswehr hat ihn leergeräumt und ins Dorf geschleppt. Dann wurde er repariert“, erinnert sich Kruse.
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Re: Sturmflut 1962

Beitragvon Admin » 18. Feb 2012, 10:34

Flut ist für Inselkinder prägend
aus NWZ-Online vom 18.02.2012

Sturmflut 1962 Theodor Kruse (61) erlebt die schwere Flut als Inselschüler mit


Am Tag der Sturmflut segelten Dachpfannen von den Häusern und die See stand hoch am Deich, erinnert sich Kruse. Die Flut war für ihn eine Lektion, sagt er.

von Theodor Kruse



Wangerooge - Tagelang fegte bereits der Sturm über die Insel hinweg. am 16. Februar – ein Freitag – wurden wir dann frühzeitig von der Schule nach Hause geschickt. Überall im Inseldorf segelten Dachpfannen von den Häusern, die See stand selbst bei Niedrigwasser hoch am Strand und an den Deichen.

Am Abend hat dann bei Vollmond eine apokalyptische Szene Wangerooge ergriffen: Die tiefer gelegenen Teile des Dorfes liefen nach dem Deichbruch voll Wasser, viele Häuser wurden überflutet und sogar im Rosengarten konnte man Boot fahren. Das ist mir nach einem halben Jahrhundert wieder gegenwärtig.

In den folgenden Tagen war an Schule nicht zu denken. Auf der Insel herrschte Ausnahmezustand. Familien, die ihr Hab und Gut in den Fluten verloren hatten, wurde bei Verwandten oder Freunden untergebracht. Manche hatten nicht mehr retten können, als die Kleidung, die sie am Leibe trugen. Zum Glück war niemand ums Leben gekommen, so wie in Hamburg.

Nach dem Bruch des Dorfgrodendeiches galt es zunächst, das Riesenloch zu schließen. Dafür flog die Luftwaffe mit den „Noratlas“-Transportmaschinen stapelweise Sandsäcke zur Insel. Sie wurden während des Fluges über dem Strand abgeworfen.

Wir Kinder halfen beim Einsammeln und füllten sie mit Sand. Die gefüllten Säcke konnten wir aber nicht mehr schleppen – das machten die Erwachsenen. Mit den Pferdegespannen der Fuhrleute Alfred Dekena, August Hanken und Hinrich de Witt wurden sie dann zur Deichbruchstelle gefahren. Das ist tagelang so gegangen. Nach meiner Erinnerung hatten wir eine Woche keinen Unterricht – es können auch zwei gewesen sein.

Trotz des Schulausfalls hatten meine Schulkameraden und ich eine Lektion fürs Leben gelernt: „Respekt und Demut vor den Naturgewalten und dass man auch solche Situationen meistern kann, wenn eine Gemeinschaft solidarisch zusammen hält.

Die dramatischen Tage und Wochen waren für die Inselkinder prägend. Das hatten die Pädagogen erkannt. Als sie melden sollten, wer sich einen „Sturmflutorden“ verdient habe, hat Hauptlehrer Fritz Becker dem Verwaltungspräsidenten Robert Dannemann erklärt: „Alle oder keiner.“ So schlummern heute in den Schubladen vieler damals sehr junger Wangerooger bronzene Sturmflutmedaillen des Landes Niedersachsen.
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